Mittwoch, 19. Februar 2014

Unendliche Welten



Das Textil-Universum dehnt sich aus: Jan Kath hat bewiesen, dass Orientteppiche cool sein können, nun steuert das Bochumer Stilunternehmer das Teppichdesign in neue Dimensionen.

Wenn Jan Kath im Flugzeug sitzt, blättert er gerne in arabischen Modemagazinen. "Ich werde dafür immer schräg angeguckt", erzählt der Teppich-Designer, während er durch die Bochumer Fabrikhalle führt, die er als Headquartier und Archiv nutzt. Verunsichern lässt er sich dadurch nicht, schließlich orientiert er sich bei seinen Entwürfen stärker an der Mode als am Interiordesign. Und die Erwartungen anderer zu erfüllen, ist ohnehin nicht sein Ding. 

Geahnt hat Kath das wohl schon, als er mit 20 Jahren nach einer kaufmännischen Lehre nach Asien aufbrach. Das Teppichgeschäft seiner Familie zu übernehmen, reizte ihn nicht, lieber erkundete er Indien, Nepal und die Mongolei. Als ihm dann in Kathmandu ein Lieferant seiner Eltern über den Weg lief, heuerte er aus Geldmangel bei ihm in dessen Knüpferei als Qualitätskontrolleur an. Schließlich übernahm er den ganzen Laden und stieg zu einem der weltweit gefragtesten Teppichdesigner und -produzenten auf. 

Doch auch wenn eine märchenhafte Fügung am Anfang seiner Karriere stand - Jan Kaht hat seinen Erfolg nicht nur jenem Aladin-Moment zu verdanken, sondern in erster Linie seinem gestalterischem Gespür. Seine ersten Designs entwickelte der Autodidakt Ende der Neunziger Jahre "aus der Not heraus", weil er noch keinen professionellen Gestalter bezahlen konnte. "Ich habe im Trial-and-Error-Verfahren gearbeitet", gesteht er im Rückblick, "und dauernd nach rechts und nach links geschaut". 

Der kreative Knoten platzte, als er sich traute, den Mainstream hinter sich zu lassen, und die Lust an der Avantgarde entdeckte. Mit der ikonischen Kollektion "Erased Classic" hatte er sein Thema gefunden: Erosion als Dekor und Statement. Die Ornamente italienischer Renaissance-Gewebe scheinen auszufransen, zu verblassen oder von Säure zersetzt zu werden. "Auferstehen aus Ruinen" nennt Kath das Prinzip, Zerstörung als Neuanfang. Sein kunstvoll geknüpften Unikate lassen sich auch als selbstironische Auseinandersetzung mit dem familiären Erbe lesen. Als Anspielung auf den damaligen Überdruss an herkömmlichen Orientteppich und auf die desolate Lage der Knüpfbetriebe. Als Hommage an die Industriebrachen seiner Heimatstadt Bochum. 

Effekte des Erodierens hat der 42-Jährige seither variantenreich durchgespielt. Für die Kollektion "Erased Heritage" werden Bidjars und Agras in Rost- und Beigetönen mit hellen Schnitten und Schlieren verfremdet (eigentlich Wolken, aus dem Flugzeug aufgenommen und digital mit dem Grundmuster "gesampelt" wie Kath es nennt). "From Russia with Love" zeigt Folkloreblüten, die von milchigen Klecksen überdeckt scheinen - denn solche vermeintlichen Überlagerungen sind in einem Durchgang geknüpft, sie entstehen durch den Wechsel der Farbe oder der Florhöhe. 

Hört man Kath zu, die er verhalten-eindringlich den variierenden pH-Wert von Himalaya-Wolle oder den Unterschied zwischen türkischen und tibetanischen Knoten erläutert, wird schnell klar: Sein innovatives Design speist sich nicht nur aus der Faszination am Zerfall, sondern auch aus der Freude am spiel mit Materialien und am Ausreizen der handwerklichen Möglichkeiten.

Als Qualitätsmanager hat er gelernt, wie man Wolle mit Seide und Brennnesselfasern kombiniert und den Flor abstuft - technische Voraussetzungen, um dem Teppichdesign eine neue Dimension zu eröffnen. Entscheidend für die plastische Wirkung ist aber der Rohstoff: "Bei der Qualität bin ich konservativ", sagt Klath. Seine Werkstätten in Nepal, Indien und Marokko verarbeiten nur Wolle der vor Ort im rauen Klima grasenden Schafe, sie wird von Hand versponnen und gefärbt. So entsteht der sogenannte Abrasch, winzige Farbuntiefen, die das Design erst wirklich lebendig machen. 

Kaths Knüpfer sind gut ausgelastet: 20 Kollektionen hat der Designer mittlerweile herausgebracht. Woher nimmt er die Inspiration? "Ich gucke einfach in die Luft", sagt Kath. Soll heißen: Auf barocke Deckenfresken in Oberbayern, Graffiti in Manhattan oder Werbetafeln in Bangkok. Beim Pendeln zwischen Asien, den USA und dem Ruhrpott hat Kath sicher mehr Flugmeilen angesammelt als ein Kurzstreckenpilot. Wann immer ihm eine beiläufige Beobachtung nicht mehr aus dem Kopf geht, beginnt er zu recherchieren, in Archiven zu stöbern, Fotografen auf die Spur zu setzen. Für "Spacecrafted", eine seiner neuen Kollektionen hat Kath ganz nach oben geschaut: Teleskopfotos des Nachthimmels werden fotorealistisch in Wolle und Seide übersetzt, mit einer Präzision von 200 Knoten pro Quadratzoll. Eine knüpferische Tour de France. 

Weitere Kollektionen sind in Arbeit. "Ich bin immer parallel auf vier, fünf verschiedenen Tracks unterwegs", erklärt Kath. Zum einen, weil er so viele Ideen habe, zum anderen um sich und seine Firma abzusichern. Gegen Bequemlich- und Behäbigkeit. Denn nichts fürchtet er mehr, als sich nicht weiterzuentwickeln. "Wir sehen uns als den Motor der Evolution in der Textilgeschichte", sagt er selbstbewusst.  
Foto via Jan Kath Design GmbH

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